Apple, Kontrolle und Freiheit

Von am 17. April 2010  

Die anhaltenden Zensuraffären lösen eine Debatte über Apples “Medientablet” und die Pressefreiheit aus

Könnte der Hersteller eines Fernsehgeräts es wagen, eigene Regeln für die Sendungen aufzustellen, die der Käufer damit sehen darf? Steht es dem Hersteller einer Druckmaschine zu, darüber zu bestimmen, was mit ihr gedruckt werden darf und was nicht? Aus guten Gründen kam noch niemand auf eine so absurde Idee. Apple jedoch verkauft mit dem iPad ein Gerät, das ausdrücklich als Medientablet konzipiert wurde – und setzt sich selbst zur höchsten Zensurinstanz für die Inhalte ein, die über seinen Bildschirm flackern dürfen.

Es ist erstaunlich, wie lange das hingenommen wurde, denn eine Zensuraffäre reihte sich an die andere. Mal ging es um “unanständige” Wörter in einem Wörterbuch. Es traf das deutsche Magazin Stern und die Bildzeitung, als Apple puritanische US-Moral auch für deutsche Publikationen durchzusetzen suchte. Den Zeichner Tom Richmond, weil seine Karikaturen in den schlimmen Verdacht gerieten, Politiker und damit “Personen des öffentlichen Lebens lächerlich zu machen”. Zuletzt traf es mit Mark Fiore einen Satiriker, der den renommierten Pulitzer-Preis gewann. Es könnte eine Affäre zuviel gewesen sein.

Apple-CEO Steve Jobs hat inzwischen den Rückzug eingeleitet in der aktuellen Affäre. Per E-Mail (“Versandt von meinem iPad”) ließ er einen aufgebrachten Kunden wissen: “Das war ein Fehler, der korrigiert wird.”

Das war zu erwarten als PR-Maßnahme, denn diese Publizität konnte Apple nicht gefallen. Der betroffene Mark Fiore ist fast unangenehm berührt darüber: “Ich fühle mich ein wenig schuldig. Ich bekomme bevorzugte Behandlung, weil ich den Pulitzer gewonnen habe.”

Aber es war nicht einfach ein einzelner, zu korrigierender Fehler, wie Ajatollah Jobs uns vormachen will. Es ist ein Systemfehler. Apples Kontrollkultur ist unvereinbar mit Pressefreiheit, das Medientablet iPad inkompatibel mit Meinungsfreiheit.

Verleger und ihre Träume

Medienmogule wie Rupert Murdoch, die im offenen Internet statt geschäftlicher Chancen nur die Ursache ihres Niedergangs sehen, werden das vermutlich als letzte bemerken. Vor kurzem erst bekannte sich der Herr über Medien wie Wall Street Journal, The Times und Fox News in höchsten Tönen zum Apple-Tablet: “Es könnte wirklich die Rettung für die Zeitungsbranche bedeuten. Diese Dinger werden sich weltweit im zweistelligen Millionenbereich verkaufen.”

Fast in den Staub warf sich Konzernschef Mathias Döpfner von der Axel Springer AG: “Alle haben zu beten und Steve Jobs zu danken, dass er dieses Gerät geschaffen und damit sehr wahrscheinlich die ganze Journalismus-Branche gerettet hat.”

Zu diesen verlegerischen Schwärmereien passt nahtlos die rundum wohlwollende Berichterstattung ihrer Medien über Apple und das iPad. Cory Doctorow von BoingBoing findet die schlüssige Erklärung dafür:

“Ich glaube, die Presse hat sich so für das iPad begeistert, weil Apple eine gute Show hingelegt hat und alle im Land der Journalisten sich nach einer Daddy-Figur sehnen, die ihnen verspricht, dass ihr Publikum zurückkehren und für ihre Sachen bezahlen wird …
Aber die echte Ökonomie des iPad-Publishing ist eine ganz andere Geschichte. Selbst astronomische iPad-Verkäufe bringen wenig gegen das Ausbluten des traditionellen Verlagswesens. Wunschdenken und Nostalgie für die guten alten Tage von Geschlossenheit und Kontrolle bringen die Kunden nicht wieder durch die Tür.”

Apple und die Pressefreiheit

Die Debatte ist losgetreten, endlich. “Es ist Zeit für die Presse, sich gegen Apple zu wehren, fordert die Columbia Journalism Review: Sie solle iPad-Apps zurückziehen, wenn Apple ihr nicht die vollständige Kontrolle über ihre Veröffentlichungen zurückgibt:

“Die Presse muss einen Schritt zurücktreten und über die breiten Auswirkungen nachdenken. Sie würde niemals der Regierung solche Befugnisse zugestehen über ihr Recht der Veröffentlichung. Sie sollte das auch nicht einem Unternehmen überlassen.”

Beunruhigend erscheint, dass die New York Times, das Wall Street Journal sowie USA Today bis heute nicht die Frage Dan Gillmors beantworten wollten: Hat Apple, das die Kontrolle ausübt über die verfügbaren iPad-Anwendungen, das einseitige Recht, die Nachrichten-Anwendungen dieser journalistischen Organisationen zu entfernen, wenn ihre Apps den Lesern Informationen vermitteln, die Apple aus welchen Gründen auch immer nicht akzeptabel findet?

Das auffällige Schweigen lässt Gillmor inzwischen vermuten, dass sie sich nicht dazu äußern können, es nicht dürfen aufgrund der knebelnden Vereinbarungen, die Apple mit Entwicklern zu treffen pflegt.

Brian X. Chen bei Wired: “Die Verleger sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie das iPad als künftige Plattform für Zeitschriften und Zeitungen anbeten. Zumindest, wenn sie ihre Unabhängigkeit von einem oft unberechenbaren Konzern als Wächter bewahren wollen.”

“Apple möchte dich besitzen”, warnt Jack Shafer bei Slate: “Willkommen in unserem mit Samt bespannten Gefängnis, sagen die Jungs und Mädels aus Cupertino.”

Dan Gillmor, ein Veteran des Tech-Journalismus: “In ein Ökosystem wie dieses zu springen, verletzt grundlegende journalistische Prinzipien, wie ich glaube. Und je beliebter das iPad wird, umso potenziell gefährlicher könnte es für das Ökosystem der Informationen sein. Natürlich hat Apple alles Recht der Welt, seine Kunden und Medien-‘Partner’ zu drangsalieren, um seine geschäftlichen Ziele zu verfolgen. Was mich dabei allerdings stört, ist die Bereitschaft der Medienunternehmen, so viele Machtbefugnisse an einen Konzern abzugeben, der die Bereitschaft zu ihrem Missbrauch bewiesen hat.”

Führt Kontrollwahn zu Apples Niedergang?

Tom Richmond, ein schon früher von Apples Zensur betroffener Karikaturist, sieht in Apples Kontrollbedürfnis ein Zeichen der Schwäche, das das Unternehmen erneut auf die Straße der Verlierer schickt:

“Einschränkungen redaktioneller Inhalte gegen die App-Autoren zu verfügen, führt letztlich zu Apples Niedergang. Es ist eine Sache, nutzlose und geschmacklose Apps auf einem iPhone einschränken. Aber wenn sie einerseits das iPad triumphierend als die Zukunft des Medienkonsums verkünden und zugleich die Anbieter von Inhalten zurückweisen, nach denen die Leute verlangen, wenn diese sich nicht zu Apples Zufriedenheit an Einschränkungen halten, dann werden sich die Verbraucher schnell anderen Geräten zuwenden, die ihnen nicht sagen, was sie sehen oder nicht sehen oder konsumieren dürfen. Die Dollars der Verbraucher werden das letztendlich klären.
Der Markt und konkurrierende Geräte ähnlich dem iPad werden gewinnen. Apple ist übergeschnappt, wenn sie annehmen, sie könnten auf diese Weise freie Meinungsäußerungen einschränken und dennoch die Oberhand behalten. Jobs hat offenbar seine Lektion aus den 80ern nicht begriffen …”

Abbildung: Matt Buchanan / CC (Steve Jobs mit iPad)

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