Google Street View: Und warum verpixeln die sich eigentlich?

Von am 22. November 2010  

Google Street View: Alles verpixeltMan wird ja noch fragen dürfen

Die Geschichte von den Schildbürgern von “Blurmany” geht um. In keinem Land der Welt griff ein solcher Verpixelungswahn um sich, der zur völlig verwischten Darstellung zahlreicher Häuser bei Google Street View führte. Deutschland muss mit den Folgen leben.

Mein Blick aus dem Arbeitszimmer schweift auf einen Kastanienbaum vor dem Haus gegenüber. In dieser Jahreszeit hat er sein dichtes Grün verloren, das im Sommer das Haus dahinter verbirgt. Der Baum überragt das Haus mit seinen vier Etagen und ist breit genug, um es überwiegend zu verdecken. Das gibt es mitten in Berlin-Charlottenburg.

Niemand darf unseren Kastanienbaum sehen

Und wie kommt das bei Google Street View? Ja, da ist Grün. Viel Grün, denn das “Spähauto” (BILD-Jargon) von Google Street View kam in einem Sommer vorbei. Doch der mächtige Kastanienbaum macht hier nicht viel her. Da ist nur verschwommenes Grün, ein verpixeltes Etwas. Ein unkenntlich gemachter Kastanienbaum. Wer möchte seinen Kastanienbaum vor den Blicken der Öffentlichkeit verbergen? Und wenn ja, warum?

Gut, das Gemäuer links und rechts der Toreinfahrt hat ein paar Graffiti, die schon etwas länger auf einen neuen Überstrich warten. Dann kommt der große Hof mit dem stolzen Kastanienbaum, immer gut bewässert von einem fleißigen Hausmeister. Das Haus selbst liegt etwa 30 Meter hinter der Einfahrt. Vielleicht ist es nicht so frisch renoviert wie die Nachbarhäuser in der Zillestraße, die erst in den letzten Jahren überholt wurden, aber das fällt nicht weiter auf. Und kleine Schönheitsfehler hin oder her, Google Street View hätte der Welt einen majestätischen Kastanienbaum gezeigt.

Das Pixel-Haus mit Dolly-Buster-Shop

Bei einem Rundgang durch ein paar weitere Straßen zeigt sich jeweils mindestens ein Haus in einem Straßenabschnitt verpixelt. Wir leben in “Blurmany”, das wird hängen bleiben. Es erscheint meist völlig grundlos, offenbar haben sich viele von der entfachten Street-View-Hysterie anstecken lassen. Zu den Kuriositäten gehört, das selbst das Haus in München unkenntlich gemacht wurde, in dem sich die Büros von Google befinden.

In einer Straße in Stuttgart-Mitte zieht das einzige verpixelte Haus im Straßenabschnitt alle Aufmerksamkeit auf sich. Das ganze Haus ist unkenntllich gemacht bis auf den Laden im Erdgeschoss. Es ist ein Erotikmarkt, der sich mit dem Namen “Dolly Buster” schmückt.

Dolly Buster Erotikmarkt Google Street View Stuttgart

Wollte jemand etwa vermeiden, dass die eigene Hausfront mit Sexshop sichtbar wird? Wenn das die Absicht war, dann ging der Schuss voll daneben. Wie bei anderen verpixelten Häusern bleibt auch hier die Ladenfront sichtbar. Nur die Gesichter auf den Dolly-Buster-Plakaten wurden unkenntlich gemacht. Dazu immerhin ließen sich die Algorithmen verleiten, die die abgebildeten Models wie zufällige Passanten in der Paulinenstraße sahen.

Es wäre zu absurd, wenn auch noch den Schaufenstern eines Ladens Privatsphäre angedichtet wurde – sie wollen ja alles zeigen. Geschäftsleute könnten sich vielmehr ihrerseits beschweren, wenn ihre Fassade unkenntlich gemacht wird, mit der sie sich gezielt an die Öffentlichkeit wenden.

So konnte es zu einem Haus kommen, das sich über einem Sexshop unsichtbar zu machen sucht. Und damit erst recht alle Blicke auf sich zieht.

Einmal verpixelt, immer verpixelt

Manche stellen beim Rundgang durch Street View überrascht fest, dass ihr Haus aus dem Straßenbild gepixelt wurde, obwohl sie das gar nicht wollten. Wenn ja, ist schon alles zu spät. Die Daten sind weg. Sie wurden nicht geschützt. Weil die “Datenschützer” das so wollten. Und sie wollten außerdem die Vollperpixelung, wenn auch nur ein Bewohner eines Hauses einen solchen Antrag stellte.

Politiker schürten die Street-View-Hysterie. Beamte setzten in Regeln um, was sie unter Datenschutz verstehen. Dazu gehörte die Vernichtung der Originalfotos für Street View, nachdem Häuser unkenntlich gemacht wurden. Sie sind nicht mehr wiederherzustellen, auch wenn sich das alle wünschen sollten, heißt es von der deutschen Google-Niederlassung in Hamburg:

“Wir haben viele Fragen dazu bekommen, verbunden mit der Bitte, das Haus wieder sichtbar zu machen. Leider können wir in all diesen Fällen die unkenntlich gemachten Bilder nicht wiederherstellen, da wir in Absprache mit den deutschen Datenschutzbehörden auch das entsprechende Foto-Rohmaterial unwiederbringlich unkenntlich gemacht haben.”

Wie die Grünen unfreiwillig verpixelt wurden

Nicht nur einen grünen Kastanienbaum in Berlin-Charlottenburg hat es erwischt, sondern auch die Parteizentrale der Grünen. Das ist ihnen jetzt ein wenig peinlich, weil sie ja irgendwie für diese Art von “Datenschutz” waren, aber andererseits ihren gelben Altbau in Berlin gar nicht verstecken wollten.

Bundesvorstandsmitglied Malte Spitz, der als “Netzexperte” der Grünen gilt, musste nach Recherchen herausfinden, dass Unbekannte einen Antrag für die Verpixelung gestellt hatten. Das war dann wohl doch nicht die Art von Datenschutz, die sie sich vorgestellt hatten. Wie bei anderen verpixelten Objekten aber sind die Daten für immer weg. Ja, “ärgerlich” sei das.

Vielleicht denken sie jetzt mal wieder ernsthaft darüber nach, was einst mit Datenschutz gemeint war? (Hinweis: Es war nicht die sinnlose Verpixelung öffentlich sichtbarer Gebäude.)

Screenshots: Google Street View

(zuerst veröffentlicht in Chromoid)

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