Gravenreuth: Mit Asterix-Parodien fing es an

Von am 22. Februar 2010 2 Kommentare 

Unsere Wege kreuzten sich zweimal. Einmal Abmahnung, einmal legte er als Anwalt der Gegenseite das Mandat nieder.

In einem früheren Leben war ich Buchhändler, jetzt ist es raus. Auch in diesem schönen Beruf konnte man leicht mit Serien-Abmahnern wie Günter Werner Freiherr von Gravenreuth zu tun bekommen. Und ich konnte hautnah erfahren, wie gut es ihm gelang, zusätzlich Behörden für seine Zwecke einzuspannen. Schon damals, als er gerade erst begann, sich seinen Ruf als einer der umstrittensten Anwälte zu erarbeiten.

Seine erste Abmahnwelle setzte noch auf Comics und deren Parodien, bevor er Computer und Internet als den großen Jackpot entdeckte. Er war tatsächlich beauftragt von Asterix-Zeichner Albert Uderzo, der offenbar weniger humorvoll war als von vielen angenommen. Zunächst ging es um fotokopierte oder in kleinen Auflagen verbreitete Asterix-Parodien wie “Asterix und das Atomkraftwerk”, die mehr oder weniger verdeckt über Flohmärkte vertrieben wurden. Gravenreuth ging selbst als Testkäufer um und verschickte anschließend Abmahnungen.

Von diesen Abmahnerfolgen beflügelt, ging Gravenreuth schließlich gegen ein parodistisches Buch mit dem Titel “Nachahmungen” vor. Es enthielt höchstens zweiseitige Hommagen an die bliebtesten Zeichner franko-belgischer Comics, darunter eben auch zwei dem Asterix-Zeichner gewidmete Seiten. Der konnte offenbar nicht darüber lachen und ließ dem Abmahn-Spezialisten Gravenreuth freien Lauf.

Obwohl das Buch über den noch heute als Kunstverlag renommierten Taschen Verlag vertrieben wurde und bundesweit in vielen großen Buchhandlungen auslag, kaprizierte sich Gravenreuth auf eine Liste von Buchläden, zu denen zufällig auch unserer gehörte. Die Liste bekam er dem Vernehmen nach durch einen ebenfalls Betroffenen gegen den preislichen Nachlass für eine Abmahnung.

Um seiner Abmahnung Nachdruck zu verleihen, stellte er wie in vielen anderen Fällen Strafanzeige – wegen schwerwiegender Urheberrechtsverletzung und dergleichen. Und Überraschung, die Behörden ließen sich überrumpeln und für seine Zwecke einspannen. Es hagelte Hausdurchsuchungen in unseren Berliner und Münchner Läden, Wohnräumen und dann auch noch in einem als Zweitwohnsitz genutzten Bauernhaus. Die Nachbarn im kleinen niederbayerischen Dorf wunderten sich nicht schlecht, als Polizeifahrzeuge aufkreuzten und das Haus von Dach bis Keller durchsucht wurde.

Das alles nur wegen zwei Seiten Asterix-Parodie in einem Buch, das in Frankreich unbeanstandet erschien und in Deutschland mit den Mitteln des Abmahnrechts aus dem Markt gedrängt wurde. Es zeigt, wie sehr sich Gerichte, Staatsanwälte und Polizei von einem Serienabmahner auf Trab halten ließen, ohne Rücksicht auf jede Verhältnismäßigkeit.

Gravenreuth setzte tatsächlich Strafanzeigen gezielt ein, um Gewinne durch Abmahnungen zu erzielen. Als ich mit ihm telefonierte, war er einerseits schnell bereit zur Einigung auf einen geringeren Betrag. Die Strafanzeige wollte er jedoch anschließend nicht zurücknehmen mit der Begründung: Nach einer Rücknahme nähmen ihn die Staatsanwaltschaften nicht mehr ernst und ließen sich vielleicht nicht mehr zu ähnlichen Aktionen überreden.

Bei einer weiteren überraschenden Begegnung erlebte ich ihn in echt anwaltlicher Tätigkeit, als er einen erzürnten Konkurrenten vertrat. Es ging um das leidige Thema Preisbindung bei Büchern, die es meiner Einschätzung nach besser nicht geben sollte, weil sie den Markt nicht schützt und in vielen Bereichen nicht funktioniert. Kaum dass es weniger gut aussah für seinen Mandanten, legte er das Mandat nieder.

In den 1990er Jahren entdeckte Gravenreuth Computerspiele und schließlich das Internet als weites Feld für Serien-Abmahnungen, die ihn als Abmahnanwalt bekannt und berüchtigt machten. Günter Werner Freiherr von Gravenreuth wurde inzwischen wegen versuchten Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Statt seine Strafe anzutreten, kündigte er seinen Suizid im Internet an und wurde heute erschossen aufgefunden.

Serien-Abmahner Gravenreuth erschießt sich

Revision verworfen: Gefängnis für Abmahner Gravenreuth

(bk)

Screenshot: gravenreuth.de

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Kommentare

2 Stellungnahmen zu “Gravenreuth: Mit Asterix-Parodien fing es an”

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  1. […] zum Thema u.a. bei Basic Thinking | Bernd Kling | Carsten Knobloch Diese Seite bookmarken […]

  2. […] Ebenso ging er für den Zeichner von Asterix gegen alternative Variationen (z.B. “Asterix und das Atomkraftwerk”) vor und verbrachte auch da sehr viel Energie damit, Buchhändler dazu zu bringen, ihm die eigentlich längst aus dem Verkehr gezogenen Varianten doch noch zu verkaufen, um sie dann doch noch verklagen zu können. Auch hier waren oft Hausdurchsuchungen die Folge […]